
Wenn der Ernstfall eintrifft
von Thekla Mothes (abgedruckt in den EN 3/2003)
(Vervielfältigungen, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Autors)
Da muß sie operiert werden, die stolze Besitzerin eines im besten Spitzbubenalter befindlichen Eurasierrüden und plötzlich muß alles ganz schnell gehen. Doch selbst wenn man glaubt, als Single für den Notfall vorgesorgt zu haben, drohen einen allzu leicht die Ereignisse zu überrollen und überhaupt kommt alles sowieso immer ganz anders als man denkt!
Von zwei Ersatzfamilien für den heißgeliebten Vierbeiner, kann nun eine ihr Versprechen zum benötigten Zeitpunkt nicht einhalten, aber man hat ja noch die anderen Freunde, die kurz nach dem SOS-Ruf vor der Tür stehn um Conrad in ihr schon aus drei Zweibeinern und zwei Eurasierhündinnen bestehendes Rudel aufzunehmen. Man kennt sich gut, schließlich hat Conrad Cira’s letzten Wurf begleitet und aus diesem haben Höltjes eine Tochter - Cleo - behalten.
Selbstverständlich findet Conrad erstmal gar nicht gut, daß Frauchen ihn nicht abholen kommt. Zwei Hundedamen um sich herum ist ja toll, doch sie sind kein Menschenersatz und wenn schon Frauchen fehlt, will man wenigstens ihre 2- beinFreunde IMMER um sich haben. Nur weil man es von Zuhause kennt auch mal GANZ allein zu bleiben, muß man sich anderswo mit 2 anderen Hunden als Gesellschaft noch lange nicht zufrieden geben! So werden in den ersten 2 Tagen Zäune überwunden, unterbuddelt, durchbrochen, kurzum der Garten „etwas“ umgestaltet, nur um Spezies Mensch etwas näher zu sein. Nach 2 Tagen und etlichen Sicherungsmaßnahmen hat der Sturkopp sich dareingefunden, schließlich ist man ja nur einen geringen Teil des Tages ohne 2-beiner; er besinnt sich seiner Aufgaben als Patenonkel und lässt sich von Cira die Aufgabe das Grundstück zu bewachen übertragen. Obwohl man von Haus aus beste Erziehung mitbekommen hat, ist man als Jungspund noch lange nicht bereit, sich immer von der besten Seite zu zeigen; was man bei Frauchen nicht darf, geht ja vielleicht hier. Aber schnell erkennt er in Lothar eine fähige Führungspersönlichkeit, Frauchen Regina ist sowieso umwerfend in Sachen Streicheleinheiten und mit Tochter Tanja kann man mindestens so herumtollen wie mit Patentochter Cleo. Irgendwie ists hier also doch ganz gut Hund sein...

Soweit so gut. Bis Cira früher als erwartet läufig wird. Höltjes wollen aus leidvoller Erfahrung sich und den Hunden diesen Streß nicht zumuten. Nun ist guter Rat teuer, Frauchen noch lange nicht gesund und ausgerechnet auch noch Ostern. Eventuell noch in Frage kommende Ersatzmenschen für Conrad in Urlaub oder schlicht und einfach nicht erreichbar. Bleiben nur noch zwei Möglichkeiten: Tierpension und jemanden aus der Zuchtgemeinschaft anrufen und um Hilfe bitten. Frau Marahrens wird erreicht und verspricht sich umzuhören. Aber ehrlich, groß scheint die Chance nicht, daß sie jemanden findet, schließlich handelt es sich ja um einen jungen Rüden, der zwar gutmütig veranlagt ist, aber gar nicht anders kann, als 2-beiner auf Ihre Führungstauglichkeit hin zu testen...
Cira riecht für Conrad mittlerweile fast unerträglich verführerisch und sie widerrum findet das Bengelchen langsam immer attraktiver. Das können auch Mauern und Zäune zwischen ihnen nicht ändern.
Es hilft nix. Lösung Tierpension muß angedacht werden: Villa Wuff, keine 5 Autominuten von Höltjes entfernt. Lothar kennt Einrichtung und Leute. So kann er Sondervereinbarungen treffen, will Fütterung selbst übernehmen und kann Conrad stundenweise mitnehmen und sich mit ihm beschäftigen. So bleibt Conrad wenigstens eine weitere neue Bezugsperson erspart, denken wir uns. Ostermontag Nachmittag beschnuppert Conrad neugierig sein neues Heim, einen großzügigen nach 3 Seiten hin geschlossenen Auslauf. Lothar fährt einigermaßen beruhigt nach Hause. Keine zwei Stunden später ist die Pension am Telefon, man habe mit Conrad spazieren gehen wollen, aber er lasse niemanden näher an sich heran, er gebärde sich wie wild, man brauche wohl einen Tierarzt, der ihm Beruhigungsmittel per Pfeil verabreichen könne. Umgehend ist Lothar wieder in der Villa Wuff und kann es kaum glauben, als er um die Ecke biegt und eine tollwütig schäumende Kampfhundbestie in beängstigender Baskerville-Manier sich wie besinnungslos gegen den Maschendraht wirft. Für den Fall, daß es sich bei diesem Ungeheuer doch um Conrad handeln könnte, ruft er ihn leise, das Monster hält inne, fällt in sich zusammen, ein einziges Häufchen Elend, das sofort hilfesuchend zwischen seine Beine kriecht, als sich Lothar trotz der eindrücklichen Warnungen des Personals „schutzlos“ in den Auslauf begibt. So endet das Kapitel Tierheim, kaum daß es begonnen hat. Für den Rest des Tages weicht Conrad seinem Lothar nicht mehr von der Seite und es ist nunmehr allen klar, dass die Situation läufige Hündin mit verliebtem Rüden das kleinere Übel ist.
Und wenn Du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Diesmal in Gestalt einer durch Frau Marahrens ausfindig gemachten jungen Frau namens Ina von Allwörden. Wie’s der Zufall will, ist sie mit Conrads Opa Fáni von den Sander Tannen aufgewachsen, ist zZ hundelos und bereit, ihn in den kritischen 2 Wochen bei sich aufzunehmen. Conrad ist ein relativ kontaktfreudiger Eurasier, sofern sein 2-beiniges Gegenüber die Hundeetikette beherrscht. Conrad merkt sofort, daß es sich bei Frau von Allwörden um eine echte Hundefrau handelt, belegt seine Ina ziemlich bald mit Beschlag und folgt ihr ohne weiteres ins Auto, als sich diese voller guter Ratschläge & Conrad-Zubhör auf die 120km lange Heimreise macht. Dem Frauchen erzählt man zurecht erst Tage später von der gelungenen Umsiedlung, denn selbst die gute Nachricht bringt die strapazierten Nerven der Reha-Patientin noch ordentlich zum Flattern. Ich bekomme telefonisch Bericht und alles was ich höre deutet auf einen rundum zufriedenen Hund, der vor allem Freude bereitet. Ich vermisse meinen BengelEngel, aber ich weiß ihn in besten Händen, was mir erlaubt, mich voll auf meine Genesung zu konzentrieren. Nach Ciras Läufigkeit zieht Conrad widerrum ohne Probleme zurück zu Höltjes, die ihn schon schmerzlichst vermisst haben. Auch Ina läßt ihn nur ungern ziehen. Und wenn es nach Conrad ginge, hätte er sowieso am liebsten all seine Menschenfreunde ständig um sich herum.
Und eines Tages ist plötzlich Frauchen wieder da. Conrad pinkelt den Hof voll vor Freude und Frauchen treibt’s Tränen in die Augen. Conrad zeigt sich seinem Frauchen hundeherzlichst zugetan, lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass er sich bei Höltjes mindestens genauso wohlfühlt. Die erste halbe Stunde nach dem Wiedersehen weicht er mir kaum von der Seite. Er ist hin und hergerissen, möchte gern mit Cleo toben und meine Anwesenheit auskosten. Tobt seinen Eurasierdamen hinterher um gleich darauf wieder Frauchen anzustupsen und Streicheleinheiten zu fordern. Ganz selbstverständlich folgt er mir zum Auto dreht sich aber kurz um, bevor er hineinspringt, ganz so, als erwarte er, dass ihm seine Adoptivfamilie mit nach Hause folge. Daheim angekommen ist er erneut aus dem Häuschen und springt in kurzen Sätzen hin und her, ja fast auf der Stelle, da er sich nicht entscheiden kann, was er zuerst tun soll: Nachbarshündin begrüßen, Grundstück abschnüffeln, oder im Haus nach dem Rechten zu sehn. Freundin Josie nimmt ihm die Entscheidung ab und kommt herübergetob-wedelt, dabei in welpigsten Tönen quiekend.
Es scheint, dass wir beide dieses unfreiwillige Abenteuer der Trennung nicht nur relativ unbeschadet überstanden haben, sondern auch um einige Erfahrungen reicher geworden sind. Dass das so gut ausgegangen ist, habe ich nicht nur selbstlosen Eurasierfreunden, den Höltjes und Ina von Allwörden samt Familie, zu verdanken. Auch der ZG, Frau Marahrens , Frau Aach und all jenen, die mitgeholfen haben für meinen Conrad eine gute Übergangslösung zu finden bin ich unendlich dankbar. Ich wünsche wirklich niemandem, dass er in so eine Notlage kommt, wie Conrad und ich. Aber es hat sich an unserem Beispiel gezeigt, daß es eben nicht nur leere Worte sind, wenn die Zuchtgemeinschaft ihren Mitgliedern verspricht ihnen bei Problemen mit Rat und TAT beiseite zu stehen!
Thekla Mothes & Conrad vom Alten Land
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Zuchtgemeinschaft für Eurasier e.V.