Narkose beim Hund 

Ein wirklich "heilsames" Verfahren

Author: Berit Bräuer 

erschienen in der Zeitschrift Hunde Revue, Heft 10/2005 Oktober

Urheberrechtlich geschützt, Copyright 2005 by Deutscher Bauernverlag GmbH 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Hunde Revue sowie Frau Bräuer

 

Die Narkose ist ein unersetzliches Verfahren der Human- und Tiermedizin: Ohne die Möglichkeiten der Betäubung von Wahrnehmung und Schmerz wären Operationen und damit die Heilung unzähliger Erkrankungen undenkbar: Die Tierärztin Berit Bräuer stellt die verschiedenen Verfahren vor.

Der Name des Arztes W. T. G. Morton aus Boston wird in der Medizin wohl unvergessen bleiben. Er führte 1846 zum ersten Mal öffentlich eine Äthernarkose vor und ebnete so neue Möglichkeiten in der Behandlung Kranker. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts lagen Erfahrungen mit dieser Narkose an Pferden, Rindern, Ziegen und auch Hunden vor. Bis heute hat sich die Narkose permanent weiterentwickelt und ist zu einem unersetzlichen Verfahren der Human- und Tiermedizin geworden, das bei unseren Hunden Heilung in vielen Fällen erst möglich macht.

 

Was ist Narkose?

Eine Narkose schaltet die Wahrnehmungen der Empfindungen, Sinne und des Schmerzes aus. Sie ist reversibel und gekennzeichnet durch die Hypnose (Bewußtlosigkeit), Analgesie (Schmerzunempfindlichkeit) und die Muskelrelaxation (Muskelerschlaffung). Diese drei Merkmale und die Dämpfung des vegetativen Nervensystems sind für das Erreichen eines operationsfähigen Zustandes unbedingt notwendig. Meistens kommt im Sinne einer Balance der verschiedenen Faktoren eine Kombination entsprechender Präparate zur Anwendung.

Während einer Narkose durchläuft der vierbeinige Patient mehrere Stadien mit spezifischen Merkmalen:

1. Analgesiestadium: Im Analgesiestadium ist der Schmerz aufgehoben, das Bewußtsein aber noch erhalten. Der Hund wird ruhiger und müde. In diesem Stadium sind schon kleinere schmerzfreie Eingriffe möglich.

2. Exzitationstadium: Dieses Stadium der Übererregung (Exzitationen), die sich durch Bellen, Abwehrbewegungen oder Erbrechen äußern können, sollte nach Möglichkeit schnell durchschritten werden. Das Bewußtsein und die Schmerzempfindungen sind bereits aufgehoben, der Hund kann aber noch auf äußere Reize reagieren.

3. Toleranzstadium: Das Toleranzstadium unterteilt sich nochmals in vier Unterstadien. Hier sind die gewünschten Kriterien einer Narkose, die Analgesie, Hypnose und Muskelrelaxation, erreicht.

4. Asphyxiestadium: Dieses letzte Stadium sollte möglichst gar nicht erreicht werden. Dabei kommt es zur Lähmung des Atems mit ausgeprägter Atemnot (Asphyxie) infolge einer zu tiefen Narkose, des Nichtvertragens des Narkotikums oder des Unvermögens des Hundes, die Narkose zu kompensieren.

Die Tiefe einer Narkose und die Schnelligkeit des Erreichens einzelner Stadien ist abhängig von der Art des Narkotikums und der Dosis. Zur Entfaltung seiner Wirkung muß das Narkotikum schnell in das Zentralnervensystem gelangen.

Das Stadium, das für eine Operation benötigt wird, ist das Toleranzstadium. Im Idealfall tritt es sehr schnell und ohne die negativen Exzitationen ein. Nach Abschluß der Narkose, in der Aufwachphase, werden die Stadien dann in umgekehrter Reihenfolge durchlaufen.

 

Die Narkoseformen

Eine Narkose beeinflußt den gesamten Organismus. Im Gegensatz dazu unterscheidet man die Anästhesie (Unempfindlichkeit), die die Empfindungs- und Sinneswahrnehmungen aufhebt, aber nicht zur Bewußtlosigkeit führt. Welches Mittel (Narkotikum oder Anästhetikum) angewendet wird, hängt vom Operationsgebiet und dessen Größe ab, von der Operationstechnik, der Dauer, vom Allgemeinzustand des Hundes und letztlich auch von der Erfahrung des Operateurs. Man unterscheidet verschiedene Verabreichungsformen:

Injektionsnarkose: Durch eine Injektion wird das Narkosemittel (meistens Barbiturate) unter die Haut, in den Muskel oder in die Vene gespritzt. Nachteil ist, daß so während der Operation zwar Narkotikum nachgespritzt werden kann, aber die gesamte Menge vom Körper ausgeschieden werden muß. Der Nachschlaf bei der Injektionsnarkose ist daher manchmal relativ lang.

Inhalationsnarkose: Durch eine Kurznarkose mittels Injektion wird der Hund betäubt, um einen Tubus in die Luftröhre einführen zu können. Über diesen Tubus werden während der gesamten Operation das Narkotikum als Dampf oder Gas (Lachgas) und Sauerstoff zugeführt. Diese Narkose ist sehr gut steuerbar, da die Menge des Narkotikums jederzeit variiert und unmittelbar nach Beenden der Operation abgesetzt werden kann. Auch ist sie relativ schonend und für Risikopatienten vorteilhafter.

Lokalanästhesie: Lokalanästhetika werden in die Umgebung von Nervenfasern gespritzt und heben nur dort die Schmerzempfindungen auf. Die Lokalanästhesie kann bei ruhigen Hunden für kleinere Eingriffe, zum Beispiel das Entfernen eines Hauttumors, oder als Begleitung einer Allgemeinnarkose eingesetzt werden.

Oberflächenanästhesie: Durch Lösungen oder Sprays, die Lokalanästhetika enthalten, werden Schleimhäute betäubt. Kleinere Eingriffe am Auge, im Gehörgang, an der Nase oder im Rachen werden allein oder begleitend bei einer Vollnarkose möglich.

Infiltrationsanästhesie: Schonend können kleinere Operationsgebiete lokal unterspritzt werden. Die operative Entfernung von Tumoren oder Abszessen sowie Wundbehandlungen sind unter Umständen ohne Ausschaltung des Bewußtseins möglich.

Epiduralanästhesie: Diese dürfte vielen Frauen als Rückenmarkanästhesie bekannt sein, weil sie bei Geburten eingesetzt wird. Andere Bezeichnungen lauten Extraduaral- oder Periduralanästhesie. Mittels Kanüle dringt man hierbei in den Wirbelkanal vor und injiziert das Lokalanästhetikum. Auf diese Weise können Hinterleib und Hinterläufe empfindungslos werden. Hunde müssen für diese Anästhesie immer sediert, das heißt ein Beruhigungsmittel verabreicht werden.

Leitungsanästhesie: Mit Hilfe der Leitungsanästhesie wird der Schmerz innerhalb eines bestimmten Gebietes ausgeschaltet. Ein Anästhetikum wird in einen Nerv injiziert, dessen Reizleitung sowie die seiner Nebenäste unterbrochen. 

Eine tierärztliche Voruntersuchung minimiert das Risiko.

 

Vor der Narkose 

Eine gründliche Voruntersuchung und gute Vorbereitung sind wichtig und helfen, Risiken der Narkose zu minimieren. Man achtet auf Rasse, Alter, Trächtigkeit, eventuell bekannte Krankheiten wie Allergien, Diabetes, die Einnahme von Medikamenten, frühere Narkosen oder Zwischenfälle, das Verhalten des Hundes, seinen Ernährungs- und allgemeinen Gesundheitszustand. Prinzipiell wäre es auch empfehlenswert, der Sicherheit wegen bei allen Narkosen eine Blutuntersuchung voranzustellen, nicht zuletzt, da Narkotika über die Leber und die Nieren ausgeschieden werden.

Eine Blutuntersuchung vor der Narkose ist zumindest im Fall von Risikopatienten sicher empfehlenswert.

Standardmäßig wird dies aus Kostengründen jedoch nicht gemacht. Bei Risikopatienten sollten derartige Tests zumindest in einem Minimum, das heißt die Bestimmung des Hämatokrit (prozentualer Anteil der Erythrozytenmasse am Gesamtblut), des Gesamteiweißgehaltes, der Leber- und Nierenwerte unbedingt erfolgen.

Das Alter verdient Beachtung: Junge Hunde zum Beispiel können jegliche Arzneimittel und damit auch Narkotika schlechter eliminieren ... ... bei älteren Hunden ist häufig die Funktionsfähigkeit der Organe eingeschränkt, so daß Narkotika langsamer und länger abgebaut werden.

 

Der Tag der Operation

Natürlich ist für die meisten Menschen eine Operation Ihres Hundes mit Aufregung verbunden. Trotzdem hilft man dem Tier sehr viel, wenn man Ruhe bewahrt und jeglichen Streß vermeidet. Wichtig ist (wie beim zu operierenden Menschen auch), daß der Hund morgens nüchtern erscheint. Mindestens zwölf Stunden darf er nichts gefressen haben, Wasser ist erlaubt: Ausnahme sind Welpen, dazu unten mehr. Hunde können durch die Wirkung des Narkotikums erbrechen. Ist der Magen voll, besteht die Gefahr, daß der Hund das Erbrochene verschluckt.

In der Praxis sollte man sich, wenn nicht schon geschehen, über die Narkose aufklären lassen. Das kann eigene Ängste abbauen und die Sicherheit erhöhen. Diese Aufklärung und de Zustimmung für die Narkose werden mit Unterschrift auf einer Einverständniserklärung festgehalten.

Für die Narkose wird der Hund genau gewogen. Anhand seines Gewichtes wird die Menge des Narkotikums festgelegt. Auch erhalten die vierbeinigen Patienten in der Regel eine sogenannte Prämedikation, also eine Injektion vor der Narkose. Diese dient der Beruhigung des Tieres, läßt es besser einschlafen und kann die Menge des eigentlichen Narkotikums reduzieren.

 

Narkoseüberwachung

Mit den heutigen Narkotika ist eine Narkose relativ sicher, und Zwischenfälle sind selten geworden. Trotzdem gibt es keine Narkose ganz ohne Risiko. Während der Narkose werden daher die Atmung, die Farbe der Schleimhäute im Hinblick auf den Kreislaufzustand, die Herzfrequenz und der Puls ständig überwacht. Bei der Inhalationsnarkose übernehmen die angeschlossenen Geräte (EKG-Gerät, Herzfrequenzmonitore, Pulsoxymeter) diese Aufgabe.

Wenn Zwischenfälle auftreten, sind dies meist Herz-Kreislauf-Störungen. Mit den entsprechenden Notfallpräparaten kann in der Regel erfolgreich, am besten über einen Venenkatheder, eingegriffen werden. Insbesondere bei alten Hunden kann es zudem zum Schlaganfall bis hin zur Erblindung kommen. Im schlimmsten - aber sehr seltenen - Fall kann durch eine Unverträglichkeit der Tod eintreten.

 

Die Risikofaktoren

Analog der Humanmedizin unterteilt man die Patienten in verschiedene Risikogruppen. Man orientiert sich dabei am sogenannten ASA-Schema (benannt nach der American Society of Anaesthesiologists). Die Einstufung erfolgt entsprechend Gesundheitszustand und Alter.

Einige Hunde erfordern schon wegen genetischer Besonderheiten oder ihres Alters besondere Aufmerksamkeit. So sind rassebedingt bei kurzköpfigen Hunden, zum Beispiel beim Mops oder Pekingesen, die Nase und die Nasengänge oftmals verengt, was häufig schon im Normalfall die Atmung erschwert. Hier hat sich eine Prämedikation zur Hemmung des vegetativen Nervensystems bewährt. Zudem sollten betroffenen Hunde möglichst intubiert werden, um im Falle einer Atemnot unmittelbar Sauerstoff zuleiten zu können.

Junge Tiere in den ersten Lebenswochen können Arzneimittel jeglicher Art schlechter eliminieren. Welpen unter drei Monaten müssen daher nicht nüchtern sein - nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Körpertemperatur. Denn die Auskühlung des Welpen ist eine große Gefahr, und die Operation sollte daher auf einer Wärmematte vorgenommen werden. Auch empfiehlt sich das Legen eines Venenkatheters, um die Tiere mittels Infusion stabil zu halten.

Alte Patienten machen in den meisten Tierarztpraxen den Großteil der zu narkotisierenden Tiere aus. Bei ihnen ist die Funktionsfähigkeit der Organe oft eingeschränkt und/oder es liegen Erkrankungen des Herzens vor, was zu einer stärkeren Herzarbeit mit erhöhtem Verbrauch an Sauerstoff führt. Ähnliches gilt für die Leber, Nieren und das Zentralnervensystem.

Das führt dazu, daß Narkotika langsamer und damit länger abgebaut werden. Andererseits wird nicht selten durch die Belastung einer Narkose die Funktion der Organe weiter eingeschränkt. Generell sollte daher die Dosierung des Narkotikums gegenüber jüngeren Patienten um ein Drittel herabgesetzt werden. Auch ein Tubus und der Venenkatheter mit fortlaufender Infusion reduzieren das Auftreten von Problemen.

Bei Hunden mit Diabetes mellitus kann der Stoffwechsel schnell entgleiten, darum sind auch hier Vorsorgemaßnahmen notwendig. Ein besonderer Fall sind trächtige Hündinnen, bei denen der Kaiserschnitt (Sectio caesarea) der wohl häufigste Anlaß für eine Narkose ist. Alle Narkosemittel passieren die Plazentarschranke, das ist die Schranke zwischen Mutterleib und Welpen. Am schonendsten wäre hier eine Inhalationsnarkose. Ansonsten versetzt man die Hündin anfangs in eine nicht so tiefe Narkose und kann diese dann verstärken, wenn die Welpen aus der Gebärmutter herausgenommen sind und die Nabelschnur abgeschnitten ist.

Einige Hunde erfordern wegen ihres Alters oder genetischer Besonderheiten wie kurzen Köpfen mehr Aufmerksamkeit.

 

Nach der Narkose

An die Narkose schließt sich je nach Narkotikum und Gesundheitszustand des Hundes ein Nachschlaf an, der bis zu einigen Stunden dauern kann. Der Patient sollte möglichst noch in der Tierarztpraxis aufwachen. Zum einen ist er hier unter Kontrolle, zum anderen kann bei eventuellen Zwischenfällen noch eingegriffen werden.

Zu Hause darf der Hund auf keinen Fall auf einen höheren Platz gelegt werden: Sessel, Couch oder Bett sind also tabu. Vielmehr soll er an einer Stelle liegen, an der er nicht herunterfallen und sich verletzen kann. Durch die Narkose sinkt die Körpertemperatur herab. Der vierbeinige Patient muß also an einem warmen Platz liegen, aber im Sommer nicht in der prallen Sonne. Wichtig ist, daß er hier die nötige Ruhe erhält und "gemütlich" zu sich kommen kann. Wasser ist sofort erlaubt, Fressen in kleiner Menge je nach Wachzustand am Abend oder am nächsten Morgen.

Nach der Narkose soll der Hund so liegen, daß er nicht herunterfallen kann.

  

Die Autorin: Berit Bräuer

... ist 1968 in Malchin geboren und wohnt in Hannover. Nach dem Studium der Tiermedizin bis 1997 arbeitete sie in verschiedenen Kleintierpraxen und ist heute freiberuflich als Tierärztin tätig. Als Hobby nennt sie Beratung und Aufklärung der Besitzer, damit diese ihr Tier als Wesen mit seinen speziellen Bedürfnissen sehen.

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