Der Eurasier im Seniorenalter  

von Gisela Aach

(Vervielfältigungen, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Autors)

 

Unser Hund wird alt - "Die Treue eines Hundes ist ein kostbares Geschenk, das nicht minder bindende moralische Verpflichtungen auferlegt, als die Freundschaft eines Menschen." ( Konrad Lorenz )

Diese moralische Verpflichtung wiegt leicht, solange unser Hund ein Welpe, ein Junghund und ein erwachsener Hund im "besten Alter" ist. Hat er jedoch einmal die Altersschwelle von etwa 7-8 Jahren überschritten, nähern wir uns unaufhaltsam, jeder hofft natürlich sehr langsam, der Zeit im Leben unseres vierbeinigen Begleiters, die uns auf der einen Seite einen Traumhund beschert, auf der anderen Seite aber auch den Gedanken an die letzte notwendig werdende Entscheidung immer bedrückender macht.

Versuchen wir zuerst einmal eine sachliche Annäherung an das Thema "Alter unseres Hundes". Was ist eigentlich Alter/Altern?

Alter ist heute nicht gleichbedeutend mit Krankheit. Altern ist ein lebenslanger Prozeß, der im Grunde bereits mit der embryonalen Entwicklung beginnt. Die Wissenschaft liefert auch heute noch keine eindeutige Erklärung des Phänomens "Alter". Eine Theorie vermutet eine Veränderung der einzelnen Zelle im Alter, bzw. ihrer Funktion, eine andere Theorie glaubt, daß nach einer bestimmten Zeit das Potential der Zelle einfach verbraucht ist.

Eines ist jedoch sicher, am Alter selber stirbt niemand, dem Alter setzt eine Krankheit ein Ende. Es gibt einige altersspezifische Erkrankungen, die mit deutlichen Anzeichen auf sich aufmerksam machen und oft noch gut behandelbar sind, um das Hundeleben lebenswert zu erhalten:

Wie und wann beginnt nun Altern beim Hund und damit eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit? Ein genauer Zeitpunkt läßt sich natürlich nicht festlegen, auch beim Hund beginnt der Alterungsprozeß langsam, unauffällig und schleichend, oft unbemerkt. Erste Anzeichen werden Sie sicher erst einmal als positiv vermerken, denn diese gehen deutlich in Richtung Traumhund. Ihr Eurasier hat sich an seine Familie optimal angepaßt, er weiß, wann er mit nach draußen darf und wann er zurückbleiben muß und akzeptiert es ohne Murren. Er ahnt oft schon Ihre Wünsche oder Befehle bevor sie geäußert werden, der Hund ist im täglichen Ablauf des Familienlebens unauffällig und angenehm. Die Rangordnung ist geklärt und man kann sich aufeinander verlassen. Beim Spaziergang läßt sich nun auch ein "Jäger" leicht abrufen, man wundert sich: Endlich hat er's kapiert!, doch eigentlich ist es nur schwindender jugendlicher Bewegungsdrang und die Erfahrung häufig fehlgeschlagener Hetze. Die Begegnungen mit anderen Hunden verlaufen, vielleicht abgesehen vom "Intimfeind", problemlos, kleine Machtrangeleien der Rüden, die früher dem Hund viel Spaß machten (Herrchen oder Frauchen eher weniger), werden durch Knurren und vornehmes Wegsehen ersetzt. Kurz gesagt, Ihr Eurasier ist in seiner Umwelt fast ein Musterexemplar

Bei der stillen Freude über den besten Hund der Welt übersieht man dann leicht die ersten grauen Haare am Fang, stärkere Zahnsteinbildung und eine leichte morgendliche Steife beim ersten Aufstehen. Dies sind natürlich nur erste Anzeichen und kein Grund zur Besorgnis oder zur besonderen Schonung, behalten Sie den gewohnten Rhythmus bei, achten Sie vielleicht ein wenig mehr auf das Gewicht und die Ernährung des Hundes, aber machen Sie nicht aus übergroßer Vorsicht einen "Frührentner" aus Ihrem Hund. Nur wenn Sie das Gefühl haben, daß Ihr Hund plötzlich alt wird, dann ist es sicher nicht einfach das Alter, sondern eine Erkrankung, die ein Tierarzt befunden sollte. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, daß die "Traumhundphase" so etwa zwischen dem 5. und 6. Lebensjahr beginnt. Erste leichte Altersanzeichen (diese bedeuten natürlich nicht das Ende des "traumhaften" Verhaltens) stelle ich oft etwa 2 Jahre später fest. (Ihre speziellen Erfahrungen mit Ihrem Eurasier würden mich natürlich sehr interessieren; auch Ihre Sicht des Zusammenlebens mit einem älteren Hund. Schreiben Sie mir kurz? - Danke) 

Aber, wie oben schon gesagt, beim Hund verläuft das Altern in der Regel sehr langsam, doch einmal aufmerksam geworden, fällt Verschiedenes auf: 

Der Fang ergraut zunehmend, die Zähne und das Zahnfleisch können Probleme bereiten, wenn unser Hund liegt, braucht er schon einen guten Grund, um wieder aufzustehen. Er reckt und streckt sich gründlicher und braucht ein paar Schritte um sich "einzulaufen". Auch die Sinne verlieren etwas an Schärfe, aber all das kompensiert unser Hund so gut, daß kaum Beeinträchtigungen zu erwarten sind. Doch der Alterungsprozeß läuft und wir müssen dem älteren Hund mit Aufmerksamkeit und liebevoller Beobachtung begegnen, damit er seine Kräfte nicht überschätzt (in dem Bestreben uns zu gefallen) und damit wir keine ernsthaften Krankheitssymtome übersehen. Nur bloß nichts übertreiben, den Hund nicht in "Watte" packen, Sie wissen doch, wer rastet, der rostet. Sorgen Sie für ausreichende Bewegung und lassen Sie auch den nicht mehr jungen Hund noch etwas lernen. Neue Spiele, neue Übungen sind auch für den älteren Hund Zutaten zu einem "glücklichen" Leben. Langeweile macht alt! 

Doch konkret, was kann man beim älter werdenden Hund dagegen tun, wenn man bemerkt, daß die Leistungsfähigkeit nachläßt? Jeder Hund hat im Laufe seines "Erwachsenwerdens" und auch noch danach viele Dinge gelernt: zuerst die notwendigen Gehorsamsübungen (sitz, platz, bleib etc.), dann natürlich auch so manches "Spielchen": such Herrchen, wo ist ...?, gib Laut etc. . All diese Lernübungen müssen, um gekonnt zu sein, regelmäßig freudevoll geübt werden und das sollte auch mit dem älteren und alten Hund so gehalten werden.

Zusätzlich kann man viele Spiele ja auch noch "ausbauen", so daß stets etwas Neues zu lernen ist: Suchspiele machen wohl jedem Hund/Eurasier viel Spaß, wenn sie mit einer Belohnung (Lob, Streicheleinheiten und/oder Leckerli) verbunden sind. Bringen Sie Ihrem Hund, falls er es nicht schon ohnehin kann, die Namen der Familienmitglieder bei und lassen Sie diese suchen, lassen Sie sich bestimmte Gegenstände bringen, wenn Ihr Hund spielen will. Verstecken Sie sich beim Spaziergang und lassen Sie sich suchen, denken Sie an die vielen Tricks, die Sie schon mit Hunden gesehen haben. Ein Eurasier ist intelligent genug - beste körperliche Kondition braucht er dazu nicht mehr -, und ob es ihm Spaß macht, ist eine Frage der "Verpackung". Sie kennen Ihren Hausgenossen am besten. Denken Sie daran, es ist wie beim Menschen: Die Fähigkeit zu lernen hört nicht auf, aber wenn wir aufhören zu lernen, läßt die Fähigkeit Neues aufzunehmen schnell nach.

Gorba, 15 Jahre alt

Sie gehen mit Ihrem Eurasier drei/viermal täglich spazieren (jeweils mindestens 1/2 Stunde) oder aber Sie machen morgens einen sehr ausgedehnten Spaziergang ( ca. 2 Std.) und gehen dann nur noch 2 - 3 mal kurz "gassi". 
Mit zunehmendem Alter Ihres Hundes sollten Sie zu 3 - 4 gleichmäßig langen Ausgängen übergehen, der Trainingseffekt ist besser ( auch die Entleerung von Blase und Darm ist meist besser). Lassen Sie sich in keinem Fall von Ihrem netten, angepaßten Eurasier überzeugen, daß das Wetter zu warm, zu kalt, zu naß oder der Zeitpunkt unzumutbar wäre für einen Spaziergang. (Unser Billy -13 1/2 Jahre- erledigte in solchem Fall alle Geschäfte auf den ersten 50 Metern und ging dann, wenn ich nicht aufpasste, sehr selbständig nach Hause und wartete auf mich.)

Bestehen Sie auf den regelmäßigen Ausgängen in gewohnter Zeitdauer, auch wenn die "Kilometerleistung" natürlich mit zunehmendem Alter oder aber größter Unlust (des Hundes) geringer wird. Wenn Sie die Möglichkeit haben, sollten Sie die Spazierwege wechseln - mit der Nase liest unser Hund die neuesten Mitteilungen aus seinem Revier und gelegentlich eine neue "Zeitung" ist natürlich interessanter, als die altbekannte -. Der schon alte Hund, der nicht mehr ganz so gut zu Fuß ist, freut sich über glatte Wege ohne Kies oder Splitt. Man sollte auch allzu steile Anstiege oder Gefälle meiden.

Ein gepflegter, alter Hund ist ein schöner Hund und meist ist er auch gesünder. Gesünder? Mit unseren Eurasiern haben wir in der Regel ja keinen allzu großen Pflegeaufwand. Einmal wöchentlich gründlich bürsten, Augen, Ohren, Gebiß und Pfoten kontrollieren, das wär's. Auch ein alter Eurasier braucht nicht viel mehr, nur dies alles vielleicht ein wenig gründlicher. Beim alten Hund kommt es gelegentlich zu stärkerem Fellwachstum, manche unserer Hunde bekommen "Löckchen", so daß der regelmäßigen Fellpflege besondere Bedeutung zukommt, denn ist das Fell erstmal verfilzt (meist beginnt es hinter den Ohren), ist bürsten nicht sehr angenehm -und ich kenne manchen Eurasier, der sich recht energisch gegen "unangenehmes" Bürsten wehrt - oder aber man muß gar zur Schere greifen. Nutzen Sie das Bürsten des Hundes auch zugleich zu einem in Streicheleinheiten verpackten genauen Abtasten des gesamten Tieres, so können sie sehr rechtzeitig Hautveränderungen oder gar Geschwulste feststellen, natürlich auch Zecken und andere Plagegeister und umgehend etwas unternehmen.

Albe, 13 Jahre alt

Manchmal wird ein älterer Hund nachlässig in der Körperpflege oder aber steife Gelenke schränken seine Beweglichkeit ein, kontrollieren Sie also wie beim Welpen und Junghund After und Penis/Scheide und nehmen Sie ggf. Waschlappen oder Schwamm zur Säuberung, evt. mit etwas mildem Shampoo.

Augen und Ohren sollten Sie weiterhin regelmäßig kontrollieren, achten Sie auf eine mögliche Trübung der Pupille oder vermehrten Tränenfluß u.ä.. Augenprobleme sollte in jedem Fall der Tierarzt befunden.

Die Gebißkontrolle ist ja so eine Sache, aber wir sollten sie nicht vernachlässigen. Wenn verstärkter Zahnsteinbefall, lockere Zähne oder verstärkter Mundgeruch auffallen, soll der Tierarzt zu Rate gezogen werden, da Entzündungen im Mund- und Rachenraum unbehandelt zu Erkrankungen von Niere, Leber oder gar Herz führen können.

Durch die verminderte Laufleistung älterer Tiere kommt der Kontrolle der Pfoten vermehrt Bedeutung zu. Die Krallen nutzen sich nicht mehr so regelmäßig ab und müssen vielleicht gekürzt werden. Vaseline oder Melkfett verhindern spröde Ballen und wenn sich durch vermehrtes Liegen sogenannte Liegeschwielen gebildet haben, reiben Sie auch diese ein. Der oft gelesene Hinweis mit der weichen Liegeunterlage ist leider nicht bei allen Eurasiern realisierbar, da sie sich nicht immer von der Nützlichkeit einer solchen "Matratze" überzeugen lassen und doch lieber auf den Platten oder in der selbstgegrabenen Kuhle liegen.

Normale, regelmäßige Pflege und Kontrolle kann zur Krankheitsvermeidung oder -früherkennung beitragen und diese kleine Mühe sollte uns unser Hund ja wert sein.

Noch eine letzte Anmerkung zur Ernährung des älter werdenden Hundes (vgl. auch H.Meyer, Ernährung des Hundes - Prof. Meyer ist neben Prof. Leibetseder sicher einer der renommiertesten deutschspr. "Ernährungsfachveterinäre"). Da die Ernährung des Hundes allgemein, des alten Hundes im Besonderen ein recht wichtiges Kapitel darstellt, das in der gängigen Literatur oft etwas kurz oder allgemein abgehandelt wird, möchte ich hier etwas genauer auf Details eingehen, wenngleich das Ergebnis sicher kein "Rezept", sondern nur eine Hilfe sein wird.

            

Anna und Artax (Geschwister), beide 13 Jahre alt

Durch den Alterungsprozeß vermindert sich zellbedingt der Stoffumsatz, aber auch die Speicherfähigkeit von einzelnen Nährstoffen. Auch die Leistungfähigkeit des Verdauungskanals kann zurückgehen, z.B. durch Nachlassen der Motorik des Darmrohres. Ebenfalls zu bedenken in diesem Zusammenhang ist ein Nachlassen von Geruchs- und/oder Geschmackssinn, was zu Akzeptanzschwierigkeiten beim Futter führen kann ( zusätzlich etwas Fleischbrühe, oder eine winzige Menge stark duftender Wurst oder andere besonders geliebte Leckerli können hier helfen ), sowie auch Gebißprobleme, die evtl. eine Aufnahme fester/harter Nahrung beeinträchtigen ( einweichen und/oder zerkleinern des Futters könnten helfen ).

Der Nährstoffbedarf des älteren Hundes ändert sich grundlegend. Er braucht ca.20% weniger Energie als der jüngere Hund, die Freßlust nimmt aber oftmals nicht ab, so daß eine deutliche Tendenz zu vermehrtem Fettansatz besteht (was dies für Fitness und Skelettbelastung bedeutet ist ja klar).

Der Eiweißbedarf des älteren Hundes nimmt zu (höherwertige Eiweiße sollten nun gefüttert werden), der Kalziumbedarf steigt an, zugleich darf wegen möglicher Nierenschädigungen kein überhöhter Phosphoranteil gegeben werden, eine ausreichende Chlorversorgung (ggf.als Natriumclorid, genauere Untersuchungen liegen nicht vor) muß beachtet werden. Nach Erfahrungen beim Menschen (liegen von Hunden nicht vor) brauchen ältere Individuen mehr Zink (für Kohlenhydrat- und Eiweißstoffwechsel). Bei den Vitaminen ist neben Vitamin E (an der Zellatmung beteiligt) besonders auf Vitamin A (Aufbau von Haut und Schleimhäuten, Bestandteil des Sehpurpurs) zu achten, da beim älteren Tier nur noch geringe Mengen in der Leber gespeichert werden können.

Für den gesunden alten Hund gelten folgende Empfehlungen:

1.    Die Futtermenge ist auf das Idealgewicht auszurichten, nicht auf den Ist-Zustand.(durch regelmäßiges Wiegen kontrollieren).

2.    Die Eiweißzufuhr soll durch hochwertige und hochverdauliche Eiweiße gesichert werden (gekochtes Hühnerei, Fisch, mageres Fleisch, oder Geflügel, Fischmehl, Fleischmehl, Quark). Bindegewebsreiche Futtermittel sind eher zu meiden.

3.    Die Versorgung mit Zink, Vitamine A, E, und wasserlösliche Vitaminen ist zu verdoppeln, Kalzium wenn überhaupt nur leicht zu erhöhen, die Phosphorzufuhr sollte etwas reduziert werden.

4.    Das Futter sollte ausreichend schmackhaft sein, schwerverdauliche Komponenten müssen zumindest gekocht sein.

5.    Bei Obstipation (Verstopfung) für ausreichende Bewegung sorgen, etwas Weizenkleie oder Luzernegrünmehl dem Futter zugeben.

6.    Die Futtermenge ist in 2-3 Portionen aufteilen und auf möglichst genaue Einhaltung der Fütterungszeiten ist zu achten. 

Vorschläge für drei verschiedene Rationen in % der Frischsubstanz ( siehe Meyer).

A B C
Quark 25 % Leber 4 % Ei, gek. 58 %
Leber 5 % Rindfleisch 20 % Kartoffeln, gek. 30 %
Rindfleisch 20 % Ei, gek. 7 % Maiskeimöl 5 %
Weizenflocken 38 % Reis, gek. 58,5 % Weizenkleie 5 %
Maiskeimöl 6,5 % Maiskeimöl 6 % Korvimin H + K 2 %
Möhren getr. 3 % Möhren getr. 3 %    
Vitakalk 2,5 % Faunavit H 1,5 %    

Gute Futtermittelfirmen bieten besonders auf den alten Hund abgestimmte Futtermischungen an, die den Erfordernissen auch entsprechen. Trockenfutter sollte etwas eingeweicht werden, das erhöht gelegentlich die Akzeptanz, von reinem Dosenfutter sollte beim Eurasier aus verschiedenen Gründen Abstand genommen werden. Achten Sie auf einen möglichst geringen Anteil von Sojaeiweiß, das nicht so hochwertig und leicht verdaulich ist. Trotz des unzweifelhaft zufriedenstellenden Angebotes an Fertigfutter, glaube ich doch, daß unsere Eurasier eine frisch zusammengestellte / gekochte Mahlzeit aus Frauchen's oder Herrchen's Kochtopf sehr zu schätzen wissen. Die Regeln für "altersgerechte" Ernährung sind auch nicht so kompliziert, daß nicht jeder vierbeinige Feinschmecker zu seiner Lieblingsmahlzeit kommen könnte.

Folgendes Menü wird sicherlich gerne angenommen: Gemüseeintopf "quer durch den Garten" mit Rindfleisch und etwas Reis, verfeinert mit Cafortan (Kalk / Vitaminpräparat) abgeschmeckt mit etwas Salz und frischer Petersilie.

Billy von Schönaich - Erinnerungen   

Es scheint noch gar nicht allzu lange her zu sein, dass wir uns bei Frau Baldamus um einen Eurasierwelpen bemühten (1980 ). Da wir besondere Terminwünsche hatten, mussten wir noch 1 1/2 Jahre warten, bis wir in der Nähe von Stuttgart unseren Welpen abholen konnten: ein kleines falbgraues Bärchen mit schwarzer Maske und einem hinreißenden Dackelblick. Schnell wuchs er zu einem vernünftigen Familienmitglied heran, Farbe, Maske aber auch Dackelblick blieben, sein Verhalten war traumhaft (eurasiertypisch?) an sein Rudel und die täglichen Gegebenheiten angepasst. Er wurde zwar nicht zu dem stattlich großen Rüden, den wir eigentlich erwartet hatten, aber seine Zuverlässigkeit in jeder Lebenslage ließ uns schnell die Zentimeter vergessen.

Was hat er nicht alles angestellt in seinen jungen Jahren. Bei uns konnte er stets in weitem Gelände frei umherstreifen und das hat er zeitweise weidlich ausgenutzt: Einen Hasen aus dem Revier vertreiben, das machte schon mit 7 Monaten einen Riesenspass - schon damals hatte der Hund wohl einen leichten Hörfehler, denn er kam nicht auf sofortigen Zuruf zurück, saß dafür aber oft schon vor unserer Haustür, wenn wir glaubten ihn suchen zu müssen. Wir wurden dann stürmisch begrüßt, als wollte der Hund sagen: Wo wart Ihr bloß so lange?

Andere Hunde, besonders Rüden durften seinen täglichen Spazierweg nur dann benutzen, wenn sie sich deutlich von ihm abwendeten, ansonsten wurde kurzerhand die Rangordnung an Ort und Stelle neu ausgehandelt. Allerdings nur mit großen Hunden, Dackel, Kleinpudel und kleine Mischlinge aus unserem Viertel "sah" er gar nicht.

So hatte Frauchen manche bange Minute, wenn ihr kleiner Bär sich mal wieder mit einem Schäferhund oder Riesenschnauzer anlegte. Doch alle diese Rüdenrangeleien gingen ohne große Blessuren ab, mal ein Loch im Pelz, oder ein Riss an der Lefze, alles in 2 - 3 Tagen wieder verheilt und vergessen. Glücklicherweise haben wir fast nur vernünftige Hundeleute im Dreh, die dies gelassen hinnahmen und sich ggf. einen anderen Spazierweg aussuchten ohne dass die Menschen Streit bekamen.

Einen Kaninchen- oder Fuchsbau aufzugraben machte auch jede Menge Freude, besonders wenn die Erde durch vorherige Regenfälle etwas weicher war und gut am Fell haftete, Mäuse und Maulwürfe fangen gehörte zum täglichen Aufgabenbereich, auch wenn ein Misthaufen oder ein frisch mit Jauche oder Gülle berieseltes Feld zu riechen war (Leider war meine Nase nicht so fein, dass ich schon vorher "nein" hätte rufen können.), ließ sich unser Billy nicht mehr bremsen, trotz anschließendem ungeliebtem Vollbad.

Ach ja, eines Tages rief unsere vis-à-vis Nachbarin an, ich möchte doch bitte meinen Hund bei ihr abholen. Eigentlich konnte das nicht sein, denn Billy war im umzäunten Garten, aber nachsehen schadet nicht. Ich kam zum Nachbarhaus, die Terassentür stand offen und aus der Küche hörte ich Bellen und Lachen. Mir bot sich folgendes Bild: Unser Hund - der Garten war doch nicht ausbruchsicher - stand mit den Vorderpfoten am Küchenschrank und bellte wütend nach oben. Dort saßen zwei der vier Nachbarskatzen in sicherer Höhe und fauchten. Nachdem meine Nachbarin wieder zu Luft gekommen war, erzählte sie, die Katzen seien im Eiltempo aus Richtung unseres Gartens in die Küche gekommen, auf dem Schrank verschwunden und nur Sekunden später erschien unser Billy im fremden Haus und suchte seine Jagdbeute. ( Auch diese Nachbarin spricht noch mit uns.)

Als unser Hund etwas in die Jahre kam, das 7.Lebensjahr begann, wurde er zusehends ruhiger, jagte nicht mehr, rangelte mit anderen Hunden nur noch ungern, kurz er wurde vergleichsweise "langweilig" und wir "bestellten" Abhilfe in Form einer kleinen Eurasierdame. Als Cita vom Lindenhof Ostern 1989 bei uns einzog, kam mehr Leben ins Haus als wir vorgesehen hatten.

In den ersten 10 Tagen glaubten wir einen großen Fehler gemacht zu haben, denn unser "alter Herr" trug die Nase hoch und übersah den Welpen. Die Kleine durfte ihm nicht zu nahe kommen, dann knurrte er und fauchte sie an. Es sah gefährlich aus. Für den Welpen war es wohl eher normal, dass der große Hund sie nicht akzeptierte, denn Cita entwickelte einen so ausdauernden Charme, dass ein Eisberg geschmolzen wäre. Sie leckte Billy das Gesicht und die Ohren, wenn er sie ließ, tänzelte auffordernd um ihn herum, schwänzelte mit dem kleinen Hinterteil vor seiner Nase und versuchte alles, ihn zum Spiel zu ermuntern.

Am 11. Tag hatte sie es geschafft. Von da an wurden diese beiden ein eingespieltes Team. Cita durfte alle unwichtigen Dinge erledigen, bellen, wenn die Post kam, unsere Mieter erschrecken, ekliges Trockenfutter fressen u.a.m. Wichtige Dinge wie Fremde testen, ob sie nett sind, nachts auf das Haus richtig aufpassen, Milch saufen oder Leberwurstbrot fressen durfte nur der Ersthund, da konnte Billy ganz grantig werden, wenn sich die Kleine (das blieb sie auch, als sie fast seine Körpergröße erreicht hatte) da vordrängen wollte. Allerdings hat er sie immer verteidigt, wenn sie Händel mit den Rüden anfing und Gefahr lief, die verdienten Prügel einzustecken. Sie mochten sich und genossen ihre "mühsam" vom Menschenrudel erkämpften Freiheiten. Wir hatten wieder zwei "junge" Hunde.

Als Billy dann 12 1/2 Jahre alt wurde, bemerkten wir unübersehbar im Verhalten erste Anzeichen des nahenden Alters:

Die Hündin wurde nicht mehr bei jedem Vergehen angeranzt. Sie durfte auf seinen Lieblingsplätzen liegen (Das war vorher tabu!), mußte aber aufstehen, wenn er kam. Billy überließ Cita auch vom "guten" Futter die Reste ohne zu knurren.

Später dann begann Cita zu knurren, wenn ihr der Rüde zu nahe kam. Sie ließ sich nicht mehr durch den einfachen Befehl "raus" von Billy's Lieblingsplätzen weg bewegen und stemmte die Füße auf den Boden. Der Rüde ging ohne Kommentar in eine andere Ecke. Cita durfte sich später auch ungestraft zu ihm unter den Tisch legen. Wenn sie zuerst dort lag, ging Billy weg. Nur der Platz vor Herrchens Bett blieb bis zuletzt für das Mädchen tabu.

Draußen wurde Cita zunehmend dominanter und stellte bei jeder Gelegenheit den Kragen. Unser Billy ging ohne jeden Krakeel an den "geliebten" Feinden vorbei. Fuchs, Hase und Reh reizten nicht mehr, doch eine Mieze provozierte noch immer einen kurzen Sprint.

Mit 13 Jahren etwa bemerkten wir einen deutlich langsameren Gang, Treppen schritt Billy auf und ab, es wurde nicht mehr so viel galoppiert. Nach langem Liegen im Garten (kalt oder nass) fiel das Aufstehen schwerer und er benötigte eine kurze Einlaufzeit, dann ging's wieder.

Auf dem linken Auge bildete sich ein schnell fortschreitender Altersstar und auch die Hörleistung nahm deutlich ab. Nach längeren Wanderungen hatte Billy schon mal "Muskelkater" und es zeigten sich je nach Wetter erste Arthrose-Beschwerden. Hier half in der ersten Zeit eine Kur mit einem homöopathischen Mittel recht gut, später gab's ein Kinderaspirin etwa zweimal die Woche. Erst mit 13 Jahren 10 Monaten mussten wir zu stärkeren Arthrosemitteln übergehen, die dann aber sehr gut anschlugen und den Hund schmerzfrei hielten.

Eine weitere Alterserscheinung waren sicherlich die Zahnprobleme, vermehrter Zahnstein und eine Parodontose links oben. Der Tierarzt riet aber von größeren Aktionen ab. Wir putzten die Zähne und verabreichten soviel harte Hundekuchen wie er mochte. Einen leichten Mundgeruch nahmen wir in Kauf um dem alten Hund die Narkose bei einer Zahnbehandlung zu ersparen.

Und so wurde unser Billy von Monat zu Monat unmerklich und doch unübersehbar ein wenig älter, bewegungsunlustiger, auch etwas launig, aber uns gegenüber blieb er stets anhänglich, liebevoll und ein aufmerksames Familienmitglied, das jede unsere Bewegungen kannte und schon im vorhinein wusste, ob er mit konnte oder nicht.

Stets lag er in unserer, besonders in meiner Nähe und wollte sicher sein, dass er alles mitbekam. Auch sein Bedürfnis nach Streicheleinheiten war deutlich gestiegen. Auf dem Balkon und im Garten fühlte er sich nach wie vor sehr wohl und verbellte alles Ungewohnte, wobei Cita ihn oft durch ihr Bellen erst weckte. Ein "Liegebrett" als Schutz gegen Nässe und Kälte auf den Fliesen des Balkon akzeptierte er nur widerwillig. Als er es das erste Mal betrat, ging er von Ecke zu Ecke, von Seite zu Seite und als er feststellte, dass es an einer Seite ein wenig wackelte, verließ er den Liegeplatz und sah uns vorwurfsvoll an: Auf so einer unsicheren Platte kann ich nun wirklich nicht liegen. Mein Mann besserte umgehend nach.

Als das Laufen immer beschwerlicher wurde, der Tierarzt aber meinte Herz und andere Organe seien in Ordnung, trafen mein Mann und ich eine Vereinbarung:

Solange der Hund zufrieden ist, alleine seinen geliebten Garten erreicht, ordentlich frißt und die Verdauung klappt, solange er kurze Spaziergänge machen kann - Billy hat sich nie im Garten versäubert -, solange ist für uns alles in Ordnung.

Jeder Urlaub den wir machten, jeder Ausflug wurde nun noch sorgfältiger auf die Hunde abgestimmt, denn gerade den alten Hund, der uns so lange Jahre treu gewesen ist, wollten wir nicht überbelasten. Oft gingen wir mehrere Spaziergänge, die üblichen drei täglich, aber auch mit der Hündin noch zusätzlich, damit sie ihre Bewegung hatte, alles schon recht zeitaufwendig, besonders da wir ja beide berufstätig sind, aber wir glaubten es dem alten Hund schuldig zu sein.

Trotzdem, in Billy's 15.Lebensjahr kam dann der unausweichliche letzte Moment. Er war nicht krank, er konnte auch noch kurze Wege mit laufen und doch zeigte er uns sehr deutlich: es ist genug. Ich kann es schlecht in Worte fassen, aber wir merkten ganz deutlich, dass unser Billy sein Leben beenden wollte. So fuhr ich dann an einem schönen Augustnachmittag mit beiden Hunden zu Billy's Lieblingsplatz, ließ ihn noch einmal überall schnuppern und hob ihn dann zur letzten Fahrt ins Auto. Cita war dabei und akzeptierte den Tierarzt ohne Reaktion an unserem Auto. 
Für Billy war es gut und richtig, aber Cita und ich liefen anschließend lange Stunden alleine durch den Laacher Wald. Eine solche Entscheidung ist schwer zu ertragen.

Es bleibt die Erinnerung an einen mutigen, liebenswerten typischen Eurasier.

>>>>> Ihre Anregungen & Kommentare

Dr. Barbara Post schrieb am 22. Aug 2003:

Ich habe soeben den sehr schön geschriebenen Bericht von Frau Aach über den alternden Eurasier gelesen und mich dabei an unsere Alika erinnert, die vorletztes Jahr mit stattlichen 16 Jahren gegangen ist. Eine kleine Ergänzung aus unserer Seniorenerfahrung: Ein Futternapf auf einem Ständer erspart Senioren das nicht immer schmerzfreie Bücken beim Fressen.

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Zuchtgemeinschaft für Eurasier e.V.