Die Zuchtwertschätzung in der Zuchtgemeinschaft   

von Gisela Aach

(Vervielfältigungen, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Autors)

 

Hunde züchten, bedeutet ständig unterwegs zu sein in Richtung auf ein Ideal, einen durch Standard und Vorstellung geprägten "Idealhund", den man zwar vermutlich nie erzüchten wird, dem man sich aber versucht möglichst anzunähern.

Für die Auswahl der Zuchttiere gelten also bestimmte Richtlinien, die eine Annäherung an das gewünschte Ideal-Tier ermöglichen sollen. Festgelegte Merkmale muß also ein Rüde oder eine Hündin haben, um zur Zucht zugelassen zu werden.

Bei unseren Eurasiern stehen an erster Stelle Gesundheit und eurasiertypisches Wesen, dann folgen Aussehen, Farbe usw. Diese Oberbegriffe setzen sich bekanntermaßen aus vielen einzelnen Merkmalen zusammen, die sich wieder jeweils auf verschiedenen komplexen Wegen vererben, wobei natürlich die unterschiedlich wirkenden Umwelteinflüsse auch bedacht werden müssen.

Um nun den Zuchtwert eines Tieres, d.h. seinen Wert für die Zucht, festzustellen, gibt es verschiedene Möglichkeiten ( Beurteilung des Tieres selbst; Rückschlüsse auf den Zuchtwert durch Kenntnis der Abstammung, durch Kenntnis der Geschwister und deren Nachkommen, und natürlich durch Beurteilung der Nachkommen des Tieres selbst.), die alle, für sich alleine gesehen, ihre Vor- und Nachteile haben.

Eine Zuchtentscheidung kann nur dann für die gesamte Eurasierzucht von Wert sein, wenn über das einzelne Tier genügend Informationen zur Verfügung stehen, um alle aufgezeigten Möglichkeiten der Zuchtwertschätzung zu kombinieren und die Ergebnisse gegeneinander abzuwägen. Das geht natürlich ohne Ihre Hilfe, die Hilfe der Hundebesitzer gar nicht, allerdings geht es auch nicht ohne die elektronische Datenverarbeitung, die es erst möglich macht, diese Datenvielfalt korrekt zu berechnen und anschließend zu bewerten.

1.    Die Nachzuchtkontrolle oder Nachkommenprüfung

Eine Nachzuchtkontrolle ist logischerweise nur bei den Tieren möglich, die schon Nachkommen haben, d.h. diese Tiere haben schon eine andere Art der Zuchtauswahl hinter sich und es gilt die getroffene Entscheidung zu überprüfen.

Wenn Zucht nicht nur Vermehrung sein soll, sondern Zuchtfortschritt im Hinblick auf das angestrebte Ideal, definiert sich der Zuchtwert eines Hundes durch die mittlere Überlegenheit seiner Nachkommen über den derzeitigen Populationsdurchschnitt. Ein einfaches Beispiel: Wir wollen die Schulterhöhe der Hunde vergrößern - Ein Rüde hat in drei Würfen mit drei verschiedenen Hündinnen nur Nachkommen, die eine niedrigere Schulterhöhe haben als er selbst, dann ist sein Zuchtwert in diesem Teilbereich gleich null, bzw. er schadet dem Zuchtziel. 

Beurteilt man also ein Tier auf der Grundlage seiner Nachkommen, läßt sich der wirkliche Zuchtwert der Tiere erkennen, auch unter Berücksichtigung der Tatsache, daß ein Zuchttier nur die Hälfte seines Wertes oder Unwertes weitergibt, die Nachkommen so auch nur die Hälfte des Zuchtwertes zeigen. Beurteilt werden in einer Nachkommenprüfung also immer zugleich beide Elterntiere.

Betrachten wir den Wert der Nachkommenprüfung einmal vom Rüden aus, dann müssen verschiedene Voraussetzungen gegeben sein, um zu einem aussagefähigen Ergebnis zu kommen (analoges Verfahren bei Hündinnen):

a.    Der Rüde muß mit eurasiertypischen Hündinnen verschiedener Herkunft (Linie) verpaart werden. Sollten die Hündinnen starke Ähnlichkeiten, z.B. bei den Ahnen, haben, ist das zu berücksichtigen.

b.    Die Nachkommen, die beurteilt werden, müssen einen Querschnitt der Nachkommen zeigen, d.h. sie dürfen nicht nach bestimmten Gesichtspunkten vorsortiert sein. Das bedeutet für unsere Eurasierpopulation mit den relativ wenigen Würfen pro Jahr und den somit vergleichsweise wenigen Nachkommen eines Hundes, daß stets möglichst vollständige Würfe beurteilt werden müssen, da Teile davon sicher den Eindruck verzerren würden.

c.    Die Umweltbedingungen, unter denen die Hunde groß wurden und leben, müssen bekannt sein und berücksichtigt werden. Beispiel: Ein Wurf wird beim Züchter und beim späteren Halter verantwortungsbewußt und vielseitig seinen Bedürfnissen entsprechend ernährt und gehalten. Ein zweiter Wurf wird einseitig, ausschließlich mit Dosenfutter fett gefüttert (Macht sicher kein vernünftiger Mensch). Die Auswirkungen z.B. auf die Ausprägung des Gebisses sind wohl allen klar und so müßte in diesem Punkt Umwelt erheblich berücksichtigt werden.

So müssen also für eine Nachzuchtkontrolle viele, viele Einzelinformationen zusammengetragen werden, doch lohnt sich die Mühe, da auf diese Weise eine klare Aussage über den Zuchtwert der Elterntiere erheblich verbessert wird.

Bei Rüden wenden wir dieses Verfahren schon seit einiger Zeit als Ergänzung der anderen Zuchtwahlmethoden an (natürlich EDV gestützt).

Bei Hündinnen ist die Sache problematischer, denn eine Nachkommenprüfung ist zeitaufwendig, da die zu prüfenden Nachkommen ja ein Alter von mindestens 14-15 Monaten haben müssen eine Hündin aber nur begrenzte Zeit züchten kann. So ist in unserer ZG-Eurasierzucht eine Nachkommenprüfung für Hündinnen nur in "Problemfällen" verpflichtend, d.h. wenn gute Gründe für die Verwendung einer nicht fehlerfreien Hündin sprechen, man aber vermeiden möchte, mögliche Fehler in der Population zu verbreiten. Dabei muß im Hinblick auf das "Wohlergehen" der Gesamtpopulation hingenommen werden, daß die betroffene Hündin evt. 1-2 Hitzen zusätzlich auf einen möglichen weiteren Wurf warten muß, was gelegentlich für den einzelnen Züchter sicher traurig ist, gelegentlich aber absolut notwendig ist.

2.    Eigenleistung eines Zuchttieres

Wenngleich diese Nachzuchtkontrolle auch das aussagekräftigste Instrument zur Zuchtwertschätzung ist, so liegt es doch in der Natur der Sache, daß z. B. bei der Entscheidung über die Ankörung eines Tieres, und das bedeutet ja erst einmal Zuchttier ja oder nein, diese Methode nicht zum Zuge kommen kann.

Hier müssen jetzt andere Mittel eingesetzt werden.

Eine der gebräuchlichsten Möglichkeiten in der Hundezucht ist die Beurteilung der Eigenleistung des Tieres als Grundlage zur Zuchtwertschätzung. Voraussetzung dafür ist natürlich, daß die zu beurteilende Leistung oder Eigenschaft auch an dem entsprechenden Tier selber erfaßt wird. Soll diese "Leistungsprüfung" erfolgreich d.h. sinnvoll sein, hängt sie von zwei weiteren Faktoren ab: 

a.    von der Sorgfalt und Genauigkeit der Datenaufnahme und

b.    von dem Grad der Erblichkeit der zu beurteilenden Merkmale.

Wie versuchen wir das für unsere Eurasier umzusetzen?

Was gehört jetzt für unsere Eurasier zur Datenaufnahme?

Zuerst einmal die Untersuchungen, die die Wissenschaftler inzwischen gut im Griff haben, nämlich Röntgen auf mögliche Hüftgelenksdysplasie, Untersuchung auf Verschiebbarkeit der Kniescheibe, Überprüfung des Gebisses und Untersuchung auf weitere Krankheiten wie Augenerkrankungen, Krvptorchismus, Ekzeme u.a. 
Dies alles muß von einem Tierarzt vorgenommen werden. All diese Dinge lassen sich vorn Fachmann messen und sind so einfach zu erhaltende Informationen über mögliche Erkrankungen, auf die wir in keinem Fall verzichten wollen, auch wenn sie Hund und Besitzer Mühe machen und Kosten verursachen.

Weiterhin werden alle Dinge erfaßt, die das Äußere des Hundes betreffen wie Größe, Gewicht, Schädellänge etc., Fellstruktur, Gangwerk, Knochenbau, Bemuskelung, Pigmentierung und .... und...

Bis hierher ist das recht einfach, wenn - was äußerst wünschenswert wäre -, der Besitzer seinen Hund gut führen kann oder wenn es denn gelingt, dem Eurasier die Bedeutung des Zentimetermaßes zu erklären und der Körmeister das Wohlwollen des Hundes evt. durch Bestechung erlangt. 

Alle bisher aufgezeigten Eigenleistungen eines Eurasiers betreffen das Exterieur, sind meßbar und vergleichbar, also auch gut zu beurteilen, außerdem haben diese Merkmale fast alle einen hohen Erblichkeitsgrad und so sind sie auch für die Zucht gut zu handhaben.

Erheblich größere Probleme macht das Erfassen dessen, was "unter, dem Pelz" steckt. Mögliche äußerlich nicht erkennbare Erkrankungen, aber auch im ganz besonderen das Wesen und Verhalten unserer Eurasier. Dazu ist also notwendig, daß die Bezugsperson den Hund vorstellt, denn mit ihr kann man jetzt ins Gespräch kommen über all die Dinge, die nicht mit dem Metermaß faßbar, aber doch so sehr wichtig sind. Eigenheiten des Hundes, geschätzte und weniger geschätzte Eigenschaften, das "häusliche Umfeld." - ob Geschäftshaushalt oder Einfamilienhaus auf dem Land -, eine Bezugsperson oder ein großer Bekannten- und Freundeskreis, solcherlei Informationen helfen bei der Einschätzung des Verhaltens.

Erst die Gesamtheit aller Informationen macht eine einigermaßen sichere Entscheidung über den Zuchtwert möglich.

Hier stoßen wir aber auch an die Grenzen der Tauglichkeit der Zuchtwertschätzung aufgrund der Beurteilung des einzelnen Hundes, denn Leistungseigenschaften haben nur einen mittleren Erblichkeitsgrad - die Umwelt trägt zur Ausprägung bei - und sie sind bei der Beurteilung eines einzelnen Hundes schwer faßbar. Für diesen Bereich der Zuchtwertschätzung ist es also in jedem Fall ratsam, eine weitere Methode heranzuziehen, nämlich die Beurteilung aufgrund der "Familienleistung".

3.    Die Familienleistung

Einen Teil der Zuchtwertschätzung aufgrund der Familienleistung habe ich Ihnen bereits vorgestellt, die Nachzuchtkontrolle. Für die Entscheidung über eine Ankörung z.B. kommt diese Art der Familienleistung ja nicht zum Tragen. 

Familienleistung definiert sich in diesem Falle wie folgt:

Eine Hundefamilie, das sind zuerst einmal die Elterntiere, evt. die Großeltern, also die Vorfahren, das sind Vollgeschwister, d.h. Hunde mit denselben Elterntieren (nicht unbedingt aus einem Wurf) und Halbgeschwister, d.h. Hunde mit einem gemeinsamen Elternteil und ggf. deren Nachkommen. Weniger eng verwandte Tiere sind für die Beurteilung genetisch nicht wirklich bedeutungsvoll.

Die Beurteilung eines Tieres auch aufgrund der Familienleistung bedeutet nun also, daß man erheblich mehr Daten und Beurteilungen zur Verfügung hat, als bei der Beurteilung nur der Eigenleistung eines Tieres. Voraussetzung ist natürlich, daß man von der "Familie" vergleichbare Informationen zur Verfügung hat. Schätzt man also den Zuchtwert eines Hundes nicht nur auf der Basis der Eigenleistung eines Tieres, sondern auf der Grundlage der von der "Familie" zur Verfügung stehenden Daten, kann der Zuchtwert mit erheblich größerer Sicherheit angegeben werden, besonders bei Merkmalen mit niedriger oder mittlerer Heritabilität.

Was bedeutet das nun für unsere Eurasier-Beurteilung?

Wie Sie ja wissen, muß jeder Eurasier, der zur Ankörung vorgestellt wird, zunächst einmal nach seiner Eigenleistung beurteilt werden. Bevor aber über die Ankörung/den Zuchtwert entschieden wird, werden die vorhandenen Unterlagen der "Familie" also der Eltern und Geschwister mit zu Rate gezogen (Die ZG führt eine sehr umfangreiche Datensammlung der von ihr erzüchteten Tiere und kann durch die Zusammenarbeit mit der IFEZ (siehe Links) auch auf die Daten vieler anderer Eurasiervereine zurückgreifen).

Bei diesem Leistungsvergleich innerhalb der Familie wird auf Übereinstimmungen und gravierende Unterschiede geachtet. Übereinstimmungen bei Elterntieren und Geschwistern deuten auf eine gefestigte genetische Grundlage der zu beurteilenden Leistung, große Unterschiede in den Leistungen lassen keinen gesicherten Rückschluß auf die Leistung des zu beurteilenden Tieres zu.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Unsere Eurasier sollten einen möglichst geringen Jagdtrieb, eine Eigenschaft mit höchstens mittlerer Heritabilität, aufweisen. Die Befragung des Besitzers des zu beurteilenden Hundes ergab kein eindeutiges Bild, da der Hund in Stadt und Parkanlagen gehorsam mit Herrchen läuft und nicht rumstreunt. Bei Spaziergängen in Waldgebieten muß der Hund wegen Tollwutsperrgebietes angeleint geführt werden. Der Besitzer hat gelegentlich beobachtet, daß sein Hund gerne Vögel aufscheucht, aber zur "Jagdleistung" kann er nichts Vor- oder Nachteiliges sagen.

Nun überprüfen wir die vorliegenden Familiendaten: Von beiden Elterntieren, "Landhunden", berichten die Besitzer: Jagdtrieb sicher vorhanden, aber mit zunehmenden Erwachsensein des Hundes sind sowohl der Vater, als auch die Mutter jederzeit gut abrufbar. Von den Geschwistern liegt leider nur von einer Schwester eine Beurteilung vor: "Als Junghund mit Begeisterung Kaninchen gejagt, kam aber stets innerhalb kurzer Zeit zurück". Wenn man nun diese Informationen zugrunde legt, kann man wohl davon ausgehen, daß unser Proband gewiß auch einen leichten Jagdtrieb zeigen würde, hätte er dazu die Gelegenheit. Die Informationen sagen aber auch aus, daß in dieser Familie der Jagdtrieb nicht sehr stark ausgeprägt ist und daß die Berücksichtigung dieser Eigenschaft für eine evt. Zuchtverwendung nur zweitrangig zu sein braucht.

So lassen sich Informationen vom Einzelhund durch die Familiendaten festigen oder auch relativieren. Man sollte nur nicht hingehen und die Individualbeurteilung zugunsten der Familienbeurteilung aufgeben, denn dann arbeitete man mit Mittelwerten, die die Varianz eines Merkmals nicht mehr genau angeben, da Extreme ja im Durchschnitt aufgefangen werden.

Auch künftig wird jeder Eurasier aufgrund seiner Eigenleistung beurteilt, ergänzt durch die Überprüfung der "Familiendaten". In jedem Fall, in dem es möglich ist, wird die Zuchtwertschätzung auf der Grundlage der Nachkommensleistungen vorgenommen oder ergänzt werden, da diese die größte Aussagekraft über den wirklichen Zuchtwert eines Tieres hat.

Möge der Eurasier eine gesunde Rasse bleiben!

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Zuchtgemeinschaft für Eurasier e.V. :     http://www.eurasier-online.de